Selbsthilfetag in Frankfurt/Oder

Herausforderungen meistern

„Empowerment“ heißt Herausforderungen meistern. Gleich in seiner Begrüßung holte Dr. Matthias Müller, Präsident des Deutschen Schwerhörigenbund e.V. (DSB), das geheimnisvolle Wort aus dem Titel des diesjährigen DSB Selbsthilfetages auf den Boden des Alltags.

„Empowerment – für einen selbstbewussten Auftritt Hörbeeinträchtigter in Ehrenamt und Beruf“: Unter diesem Motto wurden am 09. September 2022 im Kleist Forum Frankfurt/ Oder die psychosozialen Aspekte von Hörbeeinträchtigungen in den Blick genommen.

In Ihrem Grußwort bemerkte die Behindertenbeauftragte des Landes Brandenburg, Janny Armbruster, dass Hörschädigung als nicht sichtbare Behinderung nach wie vor eine geringe Wahrnehmung in der Öffentlichkeit genieße und folglich auch über eine nur sehr kleine Lobby verfüge. Dabei seien die schwerhörigen Menschen Bestandteil der hörenden Gesellschaft. Bei ihrer Teilhabe in diesem Umfeld würden sie aber täglich große Einschränkungen erfahren, so Armbruster: Dem brandenburgischen Landesverband des DSB attestierte sie, eine starke Stimme im Land zu sein und mit viel Herzblut und Engagement die Belange der Betroffenen zu vertreten.

Nicken, lachen, hoffen

„Nicken, lachen, hoffen, dass es keine Frage war…“ – so brachte Solveig Reineboth, Hörgeschädigtenpädagogin an der inklusiven Reinfelder Schule (einem Förderzentrum für Hören und Sprache in Berlin) die Grundsituation vieler Menschen mit Hörbeeinträchtigungen auf den Punkt. Mit dem Bild der Kommunikationsbrücke nach Jochen Müllerzeigte sie in ihrem Impulsvortrag auf, wie brüchig die Kommunikation zwischen gut hörenden und hörbeeinträchtigten Menschen ist. Hörabstand, Umgebungsgeräusche, Dialekte, schlechte Beleuchtung: Viele Faktoren führen zu Unsicherheiten, und zwar auf beiden Seiten – was den Beteiligten oft nicht bewusst ist.

So greifen sie zu Mitteln, die nicht geeignet sind: überlautes Sprechen, nervöses Wiederholen, Verkürzen und Auslassen von Inhalten auf der einen Seite, Vertuschen, Verstecken und Rückzug auf der anderen Seite. Die entstehende Frustration führt auf beiden Seiten zu defensivem Umgang, Vermeidung und letztlich Entfremdung. Empowerment bedeutet, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Für die Betroffenen heißt das einerseits, ihre Behinderung zu kommunizieren und die praktischen Vorkehrungen und Gegenmaßnahmen zu kennen und nutzbar zu machen. Wie das geschehen kann, machte Reineboth am „Lebensrucksack“ deutlich.

In den gilt es zu packen, was wir für unser Leben brauchen, damit es angenehm wird und gelingt. Dinge wie Erfahrungen, Talente, Wissen und Ausbildung gehören hinein genauso wie auch ganz persönliche und individuell sehr unterschiedliche „Packstücke“ wie Familie, Literatur, die Berge, Ruhe, Sport oder Gesellschaft. …

In dieses spezifische Fach des Rucksacks gehöre, so Solveig Reineboth, natürlich auch, seine Rechte und Möglichkeiten zu kennen: Beratung, Unterstützung, Hilfen und Nachteilsausgleiche im Gesundheitswesen, am Ausbildungs- oder Arbeitsplatz, in der Freizeit.

Das Positive in sich entdecken und entwickeln

Empowerment bedeutet andererseits auch, sich von der eigenen, in manchen Situationen stark auf das Hördefizit reduzierte Negativwahrnehmung zu befreien und die eigenen Kompetenzen und Stärken kennenzulernen. …

Selbsthilfetag Frankfurt/Oder
Selbsthilfetag Frankfurt/Oder

Berichte über typische Taktiken

In der anschließenden Podiumsdiskussion unter Moderatorin Claudia Piplow, Hörgeschädigtenpädagogin an der Potsdamer Wilhelm-von-Türk-Schule, konnte Solveig Reineboth ihren eigenen Werdegang reflektieren. Unter der doppelten Frage „Wie hast DU das geschafft? / Wie hast du DAS geschafft?“ saßen mit ihr am Tisch Björn Haase, bis vor kurzem erster Vorsitzender des Berliner Schwerhörigenvereins und beruflich inder IT tätig, sowie Ilona Dehner, Vorsitzende des DSB- Ortsverein Cottbus.

Alle drei berichteten von ihrer Schulzeit und Jugend, in denen sie sich mit verschiedenen Tricks und Techniken verstecken und durchmogeln konnten. Einzig Björn Haase konnte sich in dieser Zeit auf seine Mutter stützen, die die Beeinträchtigung ihres Sohnes erkannte (und anerkannte) und seine Sprach- und Hörentwicklung als regelrechte „Hörcoachin“ begleitete.

Ansonsten berichteten die drei Betroffenen auf dem Podium allesamt Ähnliches über ihre Kindheit. Ob man sich nun in die erste Reihe setzte, den Schulstoff nachmittags mühselig nacharbeitete, sich in die Welt der Bücher zurückzog oder umgekehrt zum Klassenclown avancierte, um nicht zuhören zu müssen: Letztlich wandte man die typischen Taktiken des Kompensierens, Vermeidens oder der Flucht nach vorne an, um sich irgendwie über Wasser zu halten.

Als hörbeeinträchtigte Schülerinnen und Schüler auf Regelschulen gehörte Solveig Reineboth, Ilona Dehner und Björn Haase das Wissen über den Umgang mit der eigenen Schwerhörigkeit nicht zum Lernstoff. Das AHA-Erlebnis folgte bei allen erst mit zunehmender Eigenständigkeit, in der Ausbildung oder bei der ersten Arbeitsstelle. Stress, Fehler und/oder negative Rückmeldungen brachten die Erkenntnis, dass irgendetwas nicht optimal lief.

Es folgten mühsame Lernprozesse, gemischt mit dem Sturz in die Arbeit („Ich muss etwas ausgleichen…) bis hin zu Burn-out, Reha und anschließender Wiedereingliederung. Bis zu der Erkenntnis „Ich bin ein wichtiger Teil des Teams!“ war es ein langer Weg, der immer auch über den Kontakt mit und die Arbeit in einer Gruppe Gleichbetroffener („Die nehmen Rücksicht“) führte. Am Ende stand und steht bei allen dreien das Engagement auch jenseits von Beruf und Privatleben – sei es in der Selbsthilfe oder in der Schwerbehindertenvertretung. …

Ausstellung und Workshops

Wie bei den DSB-Selbsthilfetagen üblich, gab es auch in Frankfurt/Oder wieder eine Ausstellung, in der sich mehr als 25 Anbieter von Beratungsleistungen, medizinischer Rehabilitation und technischer Hilfsmittel präsentierten. Parallel zu den Vorträgen oder in den gut bemessenen Pausen hatten die Besucher Gelegenheit, Informationen einzuholen, Fragen zu stellen und Hilfsmittel und Geräte auszuprobieren….

Artikel aus „Spektrum Hören“ 6/2022 Seite 36-39 / Norbert Böttges


Selbsthilfetag Frankfurt/Oder - Ehrungen

Auf dem DSB Bundeskongress, am 10. September 2022, wurden mit der DSB- Ehrennadel in Silber Hans-Joachim Dietrich, Vorsitzender des DSB LV Brandenburg und Ilona Dehner, Vorsitzende des Schwerhörigenverein Cottbus e.V., geehrt.


"Mein Weg zum besseren Hören und Verstehen

"Wozu zwei Ohren wenn es auch mit einem geht, oder?" von Ilona Dehner

Über 45 Jahre war ich mono unterwegs. Ausgangspunkt war eine Meningitis Erkrankung im Kleinkindalter. Mit der Zeit ertaubte ich linksseitig.

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Ilona Dehner

Erfahrungsbericht von Angelika Fietzke

Mein Name ist Angelika Fietzke, 1952er Jahrgang, ich trage rechts ein Hörgerät, links ein CI.

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Erfahrungsbericht von Gudrun Grell

Ich wurde 1945 geboren und auf Grund einer schweren doppelseitigen Lungenentzündung im Säuglingsalter wurde ich beidseitig schwerhörig.

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